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Was Kinder fühlen bevor sie lernen

In dieser Episode entdecken wir, was Kinder im Klassenzimmer wirklich bewegt, lange bevor der erste Test geschrieben wird. Anna als Gastgeberin, Tim und Aylin spüren gemeinsam nach, warum Präsenz, Bewegung und Zugehörigkeit in der Schule spürbarer werden müssen.

Chapter 1

Intro

Anna

Herzlich willkommen. Ich bin Anna von WIRK RAUM SCHULE. Und ich denke heute laut – über etwas, das mir seit Jahren unter der Haut liegt. Etwas, das man nicht sehen kann, aber sofort spürt: Was Kinder fühlen, bevor sie lernen. Ich hab heute zwei Stimmen eingeladen, die mich wirklich berühren – Tim und Aylin, aber bevor wir ins Gespräch gehen … was ist eigentlich diese Prehension?

Anna

Whitehead nennt es Prehension – das, was ein Wesen spürt, bevor es reagiert. Das, was ein Kind innerlich fühlt, bevor es sich zeigt. Oder eben zurückzieht. Und genau da, meine ich, fängt die Schule an – oder hört auf. Je nachdem, ob sie das spürt. Steven Reiss und die Motivforschung zeigen ganz klar: Kinder spüren unterschiedlich, nicht weil sie so wollen, sondern weil sie verschiedenartig gebaut sind, irgendwie tief innen drin. Es gibt Kinder, die Bewegung wie Luft zum Atmen brauchen. Andere suchen eine Beziehung. Wieder andere das Gefühl von ganz viel Struktur, oder wirklich gesehen zu werden, oder einfach Freiheit, um, ja, anzufangen zu atmen, bevor irgendwas gelernt wird.

Aylin Baumgartner

Also... das ist so irgendwie, wie wenn man in einen Raum kommt, und man merkt, die Luft ist schwer oder ganz leicht oder irgendwie gar nicht da. Ich stelle mir vor, dass Gefühle von Kindern ja wie so Wasser sind – sie fließen überall hin, auch dorthin, wo sie niemand sieht. Und manchmal, also, manchmal bleibt dann nur so ein kleines bisschen übrig, das man fühlen kann, wenn man wirklich genau hinspürt, bevor jemand anfängt, was zu lernen. Oder, also, bevor er gar nicht mehr will.

Tim

Für mich ist das ehrlich gesagt ganz oft so … also, ich merke zuerst, dass ich was will oder eben nicht will, und dann mach ich mit. Oder halt auch nicht. Und in der Schule … wenn da keiner merkt, wie man drauf ist, na ja, dann, also, fühlt man sich wie so … unsichtbar. Oder so, als wäre man ein Stuhl in der Ecke. Kennt ihr das?

Anna

Genau, Tim. Und wenn Schule nicht darauf eingeht, was im Inneren passiert, dann verwalten wir nur Oberflächen. Dann werden Bedürfnisse unsichtbar, und ja, das hat Folgen – Kinder ziehen sich zurück, oder sie rebellieren, oder sie finden gar keinen Zugang zum Lernen mehr. Es ist dieses Vorspüren, bevor irgendwas kognitiv überhaupt ankommt, das entscheidet, ob Schule wirken kann – oder halt nicht.

Chapter 2

Tim – Lernen durch Bewegung und Neugier

Tim

Und sowas wie Stillsitzen ist für mich echt schwer. Ich hab das mal versucht, so richtig lange still bleiben, aber dann, ey, meine Gedanken laufen ein bisschen weg. Wenn ich mich bewegen kann, kommt alles irgendwie wieder. Ich stell dann auch ganz viele Fragen, manchmal so viele, dass, naja, manche finden das nervig. Aber ich will halt wissen, warum das alles so ist, wie's ist.

Tim

Und Schule, also, die wär viel cooler, wenn man nicht immer leise sein müsste, um was zu lernen. Manchmal fühlt sich das so an... als ob man atmet und dann erst denken kann. Bewegung ist nicht nur Sport, sondern halt – die Maschinen im Kopf kommen ins Laufen. Ich mein, beim Sportunterricht, als wir diesen Mathe-Kram mit Sprinten verbinden sollten, da hab ich plötzlich echt geschnallt, wie diese Formeln funktionieren! Vorher war das wie Zahlenstaub in meinem Kopf, und dann, bam, hab ich es gespürt, als ich losgelaufen bin. Ich find, lernen muss nicht immer still sein.

Anna

Tims Motivstruktur nach dem Reiss Motivations Profil– das ist, wenn ich es so sagen darf – Bewegung, Neugier und das Bedürfnis nach echter Anerkennung. Und eben kaum Pflicht, und wenig Lust auf dieses Allein-gegen-den-Rest-der-Welt-Gefühl. Er saugt Energie aus Resonanz, aus bewegtem Denken, nicht aus Kontrolle. Man kann sich echt fragen: Was passiert, wenn Tim nur sitzen soll, leise und angepasst? Da, also, kommt nicht viel in Bewegung, außer dass irgendwann der Widerstand wächst. Und Lernen braucht halt... Raum zum Bewegen. Im Kopf und im Körper, ja?

Aylin Baumgartner

Hm... ich glaube, manchmal merkt man gar nicht, wie wichtig das ist, weil, also, viele empfinden Ruhe gleich Ordnung. Aber es gibt Kinder, deren Gedanken werden lauter, wenn sie laufen und springen. Ich hab das mal bei meinem kleinen Bruder beobachtet, der tippt mit den Füßen immer so, und wenn er dann malen darf oder rennen, dann sprudelt plötzlich alles raus.

Chapter 3

Aylins Welt – Zugehörigkeit und gefühlte Gerechtigkeit

Aylin Baumgartner

Also, für mich ist es echt wichtig, dass in der Schule alle dazugehören dürfen. Nicht nur, wenn sie irgendwie laut sind oder gute Noten schreiben, sondern auch, wenn sie still sind, oder traurig, oder komisch gelaunt. Ich sehe das, wenn jemand traurig guckt oder so leise ist, dass man es fast überhört. Ich glaub, zuhören und dazugehören hängt zusammen. Für mich ist Schule eigentlich ein Ort, wo das Herz auch Platz braucht. Also, vielleicht mehr, als wir glauben.

Aylin Baumgartner

Ich hab mal mit meinen Wasserfarben kleine Postkarten gemalt – eine für jede aus meiner Klasse. Und dann, äh, haben wir einen Kreis gemacht in der Pause, und... ja, das klingt jetzt kitschig, aber irgendwie hat Lara dann zum ersten Mal nicht mehr alleine gesessen. Sie hat so still geguckt, und plötzlich gelächelt. Manchmal ist es nicht schwer, jemanden mitzunehmen. Man muss nur, also, eine Brücke bauen, auch wenn sie winzig ist.

Anna

Bei Aylin spürt man, dass das Idealismus-Motiv (das Streben nach einer besseren Welt) wirklich stark ausgeprägt ist. Beziehung, Sinn, die Suche nach Tiefe, das macht für sie Schule aus. Es geht nicht um Testergebnisse oder Geschwindigkeit. Sondern darum, ob ein Kind gesehen wird – als ganze Person, mit Herz und Gefühl. Und, na ja, ich frage mich manchmal wirklich: Wie oft schließen wir gerade diese Kinder aus, weil sie leise sind, nicht schnell, nicht laut. Wir reden viel von Integration, aber spüren wir wirklich, was jedes Kind braucht, bevor es lernt?

Tim

Also, wenn ich ehrlich bin – ich hab das gar nicht gemerkt mit Lara... Ich hätte das nie so hinbekommen wie du, Aylin. Mein Ding ist eher so... rumrennen und Leute anquatschen. Aber ich find das mega cool von dir! Vielleicht brauchen wir ja von beidem etwas, oder?

Aylin Baumgartner

Ja, irgendwie... manchmal braucht man Bewegung, manchmal Stille, und manchmal ein bisschen Mut, die Brücke zu machen. Für mich ist das so wie... äh... ein Platzregen und dann kommt Sonne raus. Es fühlt sich besser an, wenn alle da im Kreis sind und keiner fehlt.

Anna

Für mich – und ich sag das als jemand, der Freiheit liebt und Gestaltung – Schule darf nicht nur an das Äußere angepasst sein, nicht von außen wie eine Maschine laufen, sondern muss von innen wirken, durch Gefühle, Resonanz, durch das, was man nicht sofort sieht. Prehension eben. Wirkung entsteht innen, nicht durch Verwaltung. Und wir lernen, wenn wir spüren dürfen. Nicht zuerst vergleichen, sondern zuhören. Und ja, diese Reise... die hat gerade erst angefangen.

Tim

Oh, das finde ich total! Ich will wissen, wie das weitergeht. Da gibt’s bestimmt noch viel zu reden, oder?

Aylin Baumgartner

Ja. Und vielleicht, äh, hör ich mir das mit meinem kleinen Bruder einfach zusammen nochmal an.

Anna

Dann... danke euch beiden, Aylin, Tim, für eure Offenheit und eure ganz eigenen Stimmen. Und danke an euch, die ihr zuhört – bleibt neugierig und mitfühlend. Wir hören uns wieder, wenn es heißt: Anna denkt laut bei WIRK RAUM SCHULE. Macht‘s gut, ihr beiden!

Tim

Ciao Anna, ciao Aylin!

Aylin Baumgartner

Tschüss zusammen – bis ganz bald am See, oder im Kopf, oder im Herz.