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Schule braucht Spielraum, nicht nur Aufgaben

Wie entstehen echte Wirkung, Verantwortung und Individualität im Schulalltag? Schulleiterin Claudia Frei spricht mit Anna über die Bedeutung von Spielraum, Vertrauen und Beziehungen für Kinder und Lehrkräfte. Ein persönliches, klares Gespräch über Schule, die fühlt – nicht nur funktioniert.

Chapter 1

Intro

Anna

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von „Anna denkt laut – Was Schule wieder fühlen darf“. Ich bin Anna von WIRK RAUM SCHULE und heute habe ich eine ganz besondere Gesprächspartnerin: Claudia Frei, Schulleiterin einer Primarschule. Und Claudia steht für etwas, das, ich finde, Schule so dringend braucht: Verantwortung, die nicht auf Kontrolle, sondern auf Vertrauen basiert. Ich freu mich sehr, dass du hier bist, Claudia.

Annette

Hallo Anna, danke dir. Ich bin auch sehr gespannt auf unser Gespräch.

Anna

Du hast in deinem WIRK.RAUM-Statement gesagt: „Menschen brauchen Spielraum – nicht nur Aufgaben.“ Ich musste da sofort an unsere letzte Episode denken, wo es auch um die Gefühle der Kinder ging, bevor sie überhaupt ins Lernen gehen. Das, was sie quasi mitbringen, bevor überhaupt die erste Aufgabe gestellt wird – diese innere Stimmung. Wo spürst du im Schulalltag am stärksten, wie es den Kindern wirklich geht?

Annette

Das merke ich tatsächlich oft schon, noch bevor der Unterricht überhaupt beginnt. Es sind oft so Kleinigkeiten – der Blick, wie sie zur Tür hereinlaufen, wie sie stehen oder sich setzen. Ich würde sagen, es ist so eine Art nonverbale Wahrnehmung. Manche sprechen ja von diesem Begriff „Prehension“, also von diesem unmittelbaren Erfassen, ohne dass schon gesprochen wird. Und ich glaube, das ist wahnsinnig wichtig – dass wir Erwachsenen da überhaupt offen und empfangsbereit sind. Jedes Kind sendet ganz viel aus, aber die Frage ist, ob wir das wirklich wahrnehmen – und nicht gleich in den Arbeitsmodus umschalten.

Anna

Ich weiß noch, wie ich früher auf dem Weg zur Schule schon gespürt habe, ob ich heute wirklich gesehen werde oder ob’s nur ums Abhaken geht. Das macht so einen Unterschied, ob man als Mensch da ankommt oder einfach nur „funktionieren“ soll. Du hast das eben so klar beschrieben – dieses „Erfassen“ oder Wahrnehmen, bevor noch etwas gesagt wird.

Chapter 2

Verantwortung und Vertrauen in der Schulleitung

Anna

Du hast in deinem Reiss Motivations Profil dieses starke Motiv der Eigenverantwortung, und ich find, das merkt man total. Für dich ist Spielraum keine Luxusfrage, sondern ein Wert. Wie lebst du das denn in deiner Rolle als Schulleiterin? Also konkret – wie sieht dieser Raum aus?

Annette

Ganz ehrlich? Ich versuche, mich so wenig wie möglich einzumischen, da, wo es nicht unbedingt nötig ist. Ich vertraue meinem Team sehr. Also ich will gar nicht alles kontrollieren. Ich will auch nicht wissen, wie jede Lehrperson ihr Arbeitsblatt gestaltet oder was genau im Detail passiert. Für mich ist die zentrale Frage immer: „Warum machst du das so?“ Was ist der Sinn dahinter? Und ich glaube, das gibt ganz viel Freiheit und auch ein Gefühl von Verantwortung. Vertrauen kommt vor Kontrolle, nicht umgekehrt.

Anna

Ich finde das total spannend – weil das natürlich bedeutet, loszulassen, gell? Also eigentlich gibst du als Leitung ja auch ein Stück Kontrolle auf. Aber am Ende hat das einen Effekt auf die ganze Atmosphäre. Ich kann mir vorstellen, das verändert was an der Schulkultur, wenn nicht jeder Schritt bis ins Detail geregelt wird.

Annette

Ja, absolut. Es gibt natürlich Unsicherheiten, klar. Aber ich glaube auch, dass Lehrpersonen dann wirklich Verantwortung übernehmen und selber gestalten können – und wollen. Die Fragen nach dem „Warum“ sind so viel entscheidender als zig Vorgaben. Und das überträgt sich auch auf die Kinder; auch da gibt’s ja dieses Grundmotiv: Wenn ich Verantwortung abgeben kann, dann entsteht viel mehr Engagement und Wirksamkeit.

Anna

Das ist auch so ein Weg, wie Schule wieder mehr zum Lebensraum wird und nicht nur zum Aufgaben-Abhak-Ort… Ich glaube, das haben viele von uns in der eigenen Schulzeit eher umgekehrt erlebt. Ich zumindest, offen gesagt.

Chapter 3

Individualität, Struktur und Beziehungen leben

Anna

Jetzt kommen wir zu einem Punkt, der mir besonders am Herzen liegt: Individualität. Es wird ja immer von „Differenzierung“ gesprochen – aber oft heißt das doch nur, dass alle dasselbe machen, nur auf verschiedenen Niveaus. Was heißt Individualität für dich denn wirklich – also abseits von pädagogischen Tricks?

Annette

Ich glaube, Individualität ist eine Haltung. Es hat gar nichts mit speziellen Förderprogrammen zu tun, sondern damit, dass ich ein Kind wirklich als eigenständigen Menschen wahrnehme – nicht als Projekt. Es geht darum, dass es nicht nur lernen darf, sondern auch werden darf. Weißt du, Schule sollte nicht vorschreiben, wie Kinder sein müssen, sondern Raum geben, dass sie herausfinden, wer sie sind, und auch ein Stück weit sich ausprobieren können.

Anna

Das klingt, als hättest du da auch Beispiele aus deinem Alltag… Gibt es da jemanden aus deinem Kollegium, wo du richtig spürst: „Da passiert echte Beziehung, da wächst Entwicklungsspielraum“?

Annette

Oh ja, es gibt da eine Lehrerin bei uns, die macht das auf ganz wunderbare Weise. Sie erkennt die Kinder als Individuen an, lässt zu, dass sie auch mal nicht mit dem Strom schwimmen. Und die Kinder spüren das sofort – die nehmen diesen Freiraum und wachsen darin. Es geht da dann nicht um starren Stundenplan oder eine Liste von Aufgaben, sondern um kleine bewusste Begegnungen, offene Ohren, echtes Interesse… Das ist für mich gelebte Individualität.

Anna

Ich könnte dir da stundenlang zuhören. Aber so langsam müssen wir leider zum Schluss kommen. Claudia, wenn du „WIRK.RAUM“ in einem Satz zusammenfassen müsstest – was ist das für dich?

Annette

Das ist für mich ganz klar: Dass Menschen Spielraum bekommen – nicht nur Aufgaben.

Anna

Danke dir, Claudia – für deine Offenheit, deinen Mut und deinen ganz eigenen Blick. Wenn wir Schule wirklich neu denken wollen, dann brauchen wir nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Raum – für Entwicklung, Beziehung, Verantwortung. Danke, dass du heute hier warst.

Annette

Danke dir, Anna, fürs Raumgeben und Zuhören.

Anna

Und an alle, die uns zuhören: Bleibt dran, wenn ihr mit uns Schule wieder fühlen und gestalten wollt. Es gibt bald eine neue Folge. Claudia – alles Gute für deine Schule, und bis ganz bald! Ich bin Anna von WIRK RAUM SCHULE. Lernen entfaltet sich dort, wo Beziehung wirkt.